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Kamondo Stiege & Familie


Kamondo Stiege (Kamondo Merdivenleri)

Seit Jahren sind die Kamondo-Stiege für viele Istanbuler ein alltäglich begangenes, architektonisch und geschichtlich außergewöhnliches Teilstück ihres Wegs. Schwungvoll und elegant weist sie den Weg zwischen Bankalar Caddesi und Kartcinar Sokak und ist mit ihren zweimal sich kreuzenden Treppen so breit und großzügig angelegt, daß man meinen könnte, sie wäre in Hinblick auf den zeitweiligen Menschenansturm geplant worden. Ihren Namen trägt sie zur Erinnerung an die Familie Kamondo, eine der wirtschaftlich und gesellschaftlich bedeutendsten Familien im Osmani­schen Reich des 19. Jahr­hunderts, die sie zwischen 1870 und 1880 erbauen ließ.

Ihre formale Struktur der sich kreuzenden, verschränkten Wege, die sich geradezu anbietet, als Sinnbild für Istanbul als Ort der Begegnung verschiedener Kulturen wahrgenommen zu werden, was es gleichzeitig an die Wiener Strudelhofstiege erinnert.

Im April 2005 wurde die Kamondo-Stiege im Zuge der Kamondo-Gedächtnis-Woche frisch renoviert und neu bepflanzt. Möge sie in ihrer steinernen Beschwingtheit viele weitere Generationen von Passanten treppauf und treppab sicher tragen und deren Wege stets offen halten.

Die Kamondo-Familie (Kamondo Ailesi)

Obwohl die Anfänge ihrer Familiengeschichte im Dunkeln liegen, nimmt man heute als gesichert an, daß die Kamondos ihre ursprüngliche spanische Heimat wie so viele andere 1492 verlassen mussten.

In der Folge sind sie vermutlich über Venedig nach Istanbul (Ortaköy) gekommen, wo ein gewisser Haim Kamondo 1775 als österreichischer Handelstreibender registriert war. Kurz darauf verließ die Familie aus nicht geklärten Gründen die Stadt. Ihre Spuren führen nach Zypern, Triest und Wien, wo dann ein Abraham Kamondo in der Osmanischen Gemeinde eine angesehene Persönlichkeit gewesen sein soll. Zu Beginn der 80-er Jahre des 18. Jahrhunderts kehrte Haim Kamondo nach Istanbul zurück. Seine Söhne Isaak und Abraham Salomon (geb.1781) gründeten 1815 die Bank “Isaak Kamondo & Co”, die sich sehr bald in der internatio­nalen Finanzwelt einen Namen machte. Als Isaak 1832 kinderlos starb, war sein Bruder alleiniger Erbe. Er erweiterte das Unternehmen um zahlreiche Geschäfte und Fabriken und als Bankier des Sultans erhielt er von Sultan Abdülaziz das Recht auf Immobilienbesitz, was für einen Ausländer (die Kamondos waren noch immer “Österreicher”) ein außerordentliches Privileg war. Der nachfolgende Sultan, Abdülhamit II, bestätigte dieses Privileg und dekorierte Abraham Salomon Kamondo außerdem mit einer Verdienstmedaille ( İftihar Madalyasi) für seine großzügige Finanzierung des Krim-Kriegs (1853-55). Auch bei der Bevölkerung war er wegen seiner Wohltätigkeit sowohl in jüdischen als auch nicht ­jüdischen Kreisen bekannt und beliebt. Sein Ansehen in dieser Zeit war so groß, daß ihn die österreichische Gemeinde von Istanbul zu ihrem Vertreter bei der Hochzeit von Kaiser Franz Josef und Sisi auserkoren. Abraham Salomon soll über seine wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung hinaus auf Grund seiner guten Beziehungen zu diversen Großwesiren sogar einen gewissen Einfluss auf die Politik der Hohen Pforte gehabt haben.

In den 60-er Jahren des 19. Jahrhunderts geriet die Kamondo-Familie in Schwierigkeiten mit dem konservativen Flügel der sefardischen Gemeinde, weil sie im Rahmen ihrer wohltätigen Stiftungen versuchte, die jüdischen Schulen durch Einführung von Türkisch- und Französisch Unterricht zu reformieren. Damals wurde in den jüdischen Schulen nur Hebräisch und Spanisch unterrichtet. Da aber die Verwaltungssprache Türkisch und die Handelssprache Französisch war, war ein Großteil der jüdischen Bevölkerung von diesen Berufszweigen ausgeschlossen. Die Konservativen widersetzten sich dennoch heftig diesen Reformversuchen. Es kam sogar zur Verhaftung eines Rabbiners, der die Kamondo-Familie der christlichen Missionierung mittels der französischen Sprache beschuldigt hatte. Abraham Bohor Kamondo, Sohn von Salomon Raphael und Enkel von Abraham Salomon Kamondo, schloss sich in dieser Zeit einer Gruppe jüdischer, ursprünglich aus Livorno stammender Intellektueller an, die als “Franco’s” bezeichnet wurden und sich ebenfalls gegen den religiösen Konservatismus in der sefardischen Gemeinde zur Wehr setzten. 1865 spalteten sich die “Franco’s” von der sefardischen Gemeinde ab und stellten sich unter den besonderen Schutz der Italiener von Pera. So entstand die “Israelitische ausländische Gemeinde von Pera unter italienischem Schutz” und die italienische Synagoge von Galata wurde erbaut.

1863 schloss sich die Kamondo-Bank angesichts der Konkurrenz seitens der neugegründeten Osmanli Bankasi mit anderen Banken in Galata zu einem Bankenverband zusammen.

1867 wurde Venedig italienisch und die Kamondos somit Bürger Italiens. Im selben Jahr wurde Abraham Salomon Kamondo zum Dank für die Finanzierung der italienischen Eisenbahn von König Emmanuel II in den Grafenstand erhoben.

In Istanbul hatte sich in der Zwischenzeit der Türkisch- und Französisch Unterricht in den jüdischen Schulen längst durchgesetzt. Dennoch hielten die Feindseligkeiten der Konservativen in der sefardischen Gemeinde gegenüber der Kamondo-Familie weiterhin an. Außerdem hatte die Hohe Pforte begonnen, ihre Schulden zu Ungunsten der heimischen Banken zunehmend im Ausland zu machen. So sah sich die Familie Kamondo veranlasst, ausländische Bankverbindungen zu gründen und übersiedelte 1869 schließlich nach Paris. Die Zentrale ihrer Bank blieb weiterhin in Galata. Die jüdische Gemeinde in Paris war zwar aufgeschlossener und fortschrittlicher als die in Istanbul. Aber die Familie Kamondo hatte nicht mit dem offenen Antisemitismus der Franzosen gerechnet, dem sie trotz großzügiger Vermächtnisse an den Staat ausgesetzt war. 1873 starb Abraham Salomon Kamondo im Alter von 93 Jahren. Sein Leichnam wurde nach Istanbul überführt und auf dem jüdischen Friedhof in Hasköy im Beisein höchster osmanischer Würdenträger und eines großen Teils der Bevölkerung beigesetzt. Die Geschäfte der Kamondo-Familie florierten weiterhin und gegen Ende des 19. Jahrhunderts war ein Wirtschaftsimperium mit zahlreichen Unternehmen in und außerhalb Europas entstanden. Obwohl sich der Antisemitismus in der französischen Gesellschaft zuspitzte und die Lage am Vorabend der Dreyfus-Affaire äußerst unsicher schien, verlegten die Kamondos 1894 den Sitz ihrer Bank nach Paris. (Die nunmehrige Filiale in Istanbul wurde erst nach dem Ersten Weltkrieg geschlossen.) Ein Ururenkel von Abraham Salomon, Nissim Kamondo (1892-1917) war als erstes Familienmitglied französischer Staatsbürger geworden und ist im Ersten Weltkrieg als Pilot gefallen. Seine Schwester Béatrice, ihr Mann, Léon Reinach, und ihre beiden Kinder, Fanny und Bertrand, sind in den Konzentrationslagern der Nazis gestorben. Die Mutter von Nissim und Béatrice, Irène Cohen, konvertierte nach ihrer Scheidung von Moise Kamondo zum Katholizismus und überlebte den Holocaust. Abgesehen von zwei unehelichen Kindern Isaac Kamondo (Sohn von Abraham Bohor), deren Spuren sich verloren hatten, war sie die einzige Überlebende, die nach dem Krieg das Familienvermögen erbte und zerstreute.

Noch heute zeugen zahlreiche Bauwerke in Istanbul, in vielen anderen Ländern des ehemaligen Osmanischen Reichs sowie auch in Frankreich sowohl vom Wohlstand als auch von der Wohltätigkeit der Familie Kamondo. Nicht alle haben ihren ursprünglichen Zweck als Synagoge, Schule, Spital, Bank oder Wohnhaus beibehalten und nicht alle werden so sorgsam gepflegt wie die Kamondo-Stiege in Galata oder das heutige “Musée Nissim de Camondo”, der ehemalige Familienwohnsitz in Paris. Auch Museen wie der Louvre und das “Musée d’Orsay” in Paris verdanken den Kamondos als Kunstliebhabern und Mäzenen bedeutende Sammlungen. Seltsam berührt die Tatsache, daß das wohl bekannteste Bild der Kamondo-Sammlungen, das Portrait der Mademoiselle Irène Cohen d’Anvers, später verheirateten und wieder geschiedenen Madame Moise de Camondo (heute im Besitz der Stiftung Buehrle-Oerlikon in Zürich), das Auguste Renoir 1880 gemalt hat, die Frau darstellt, deren Name am allerletzten Ende dieser Familiengeschichte steht.

© Ahmet Aybar 2012

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